Ellipse (Stilmittel)

Bei der Ellipse handelt es sich – in Abgrenzung zum mathematischen Phänomen – um ein rhetorisches Stilmittel. Was genau man darunter versteht und wie es auf den Leser wirkt, lässt sich mithilfe einiger Beispiele erläutern.

Definition

Das Wort Ellipse stammt aus dem Altgriechischen, wo ἔλλειψις (sprich: élleipsis) in etwa „Auslassung“ bedeutete. Und genau das bezeichnet die Stilfigur auch innerhalb der deutschen Sprache. Wird ein Wort – seltener sogar mehrere Wörter – bewusst ausgelassen, spricht man in allen Disziplinen der Literaturwissenschaft von einer Ellipse. Einige Beispiele können diesen Sachverhalt veranschaulichen.

Beispiel 1: Berühmte Zitate

„Veni – vidi – vici“ (Julius Cäsar): Wörtlich übersetzt heißt dieser berühmte Ausspruch des römischen Feldherren „Ich kam, (ich) sah, (und ich) siegte.“ Die in Klammern gesetzten Begriffe werden in der deutschen Übersetzung häufig bewusst weggelassen, um die elliptische Aussagekraft des lateinischen Originals nicht zu verfälschen.

Beispiel 2: Frage-Antwort-Spiel

Wenn man beispielsweise in einem Restaurant gefragt wird: „Was möchten Sie bitte bestellen?“, antworten viele Menschen nicht in ganzen Sätzen. Sie sagen stattdessen „die 141“ oder „den Schweinebraten“ anstelle von: „Ich hätte gerne die Pizza mit der Nummer 141“ oder „ich würde den Schweinebraten probieren“. Auch hier spricht man von Ellipsen.

Beispiel 3: Der Notruf

Wenn es brennt, ruft man „Feuer“, wenn man überfallen wird oder einen Unfall hatte „Hilfe“, und wenn Soldaten im Feld beschossen werden, rufen sie beispielsweise „Granate“. Es brächte auch nichts, in solchen gefährlichen Situationen mit vollständigen Sätzen zu arbeiten, denn die Gefahr, missverstanden zu werden, ist viel zu hoch. Auch Panik begünstigt die Kurzatmigkeit dieser elliptischen Aussagen.

Beispiel 4: Die Korrektur

Wenn eine Person eine Falschaussage trifft, wird häufig einfach mit „Nein, …“ plus der richtigen Aussage geantwortet. „Annas Lieblingsessen sind Hamburger.“ –  „Nein, Spaghetti.“ Korrekt müsste die Antwort lauten: „Nein, Annas Lieblingsspeise sind Spaghetti.“ Dasselbe trifft übrigens auch auf die Korrekturen von Lehrern in Schulaufgaben zu. Wenn Sie nicht in ganzen Sätzen an den Rand schreiben können, worum es sich bei dem Fehler des Schülers genau handelt, korrigieren sie in gewisser Weise ebenfalls elliptisch.

Wirkung

Auf den Rezipienten können Ellipsen ganz unterschiedliche Wirkung haben. In der Literatur ist das Stilmittel sicherlich bewusst eingesetzt und eigentlich nicht diskutierbar. Antwortet man auf eine Frage eher elliptisch, hat das etwas mit der Ökonomisierung der eigenen Sprache zu tun. Man möchte Zeit sparen oder die andere Person nicht unnötig lange aufhalten. Sicherlich am wichtigsten sind Ellipsen in Notsituationen, wie bei den oben beschriebenen Hilferufen angemerkt. Wichtig bleibt dabei aber die Ausführlichkeit am Telefon, wenn man beispielsweise mit der Leitstelle des Notdienstes telefoniert, denn dort sind Informationen manchmal lebenswichtig.

Info: Auch in der Politik (und natürlich in der Werbung) sind Ellipsen im Sinne einer Sprachökonomisierung äußerst beliebt. So rief der amerikanische Präsident Obama beispielsweise ganz bewusst „Yes we can“ anstelle eines ausführlicheren Satzes. Aber Ellipsen gehören zur Literatur, die wiederum zur Kunst gehört. Und Kunst braucht keinen Sinn zu ergeben.

Riccardo Altieri

Riccardo Altieri studierte in Würzburg Geschichte und Germanistik. Derzeit beendet er sein Masterstudium, um anschließend mit einer Dissertation im Fachbereich der Neuesten Geschichte zu beginnen. Der Autor und Herausgeber mehrerer Bücher ist seit Firmengründung als Korrektor fester Bestandteil des Teams und kümmert sich um das textbasierte Qualitätsmanagement.

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