Anapher

Dieses rhetorische Stilmittel findet sich in der deutschen Sprache vor allem in der Lyrik wieder. Doch auch in anderen Texten, die zur Gattung der Prosa gehören, kann das Stilmittel auftauchen. Wie es definiert wird und welche Wirkung es auf den Rezipienten hat, soll im folgenden Beitrag veranschaulicht werden. Hierzu werden auch einige Beispiele angeführt. 

Definition

Das Wort Anapher stammt aus dem Altgriechischen, wo ἀναφορά (sprich: anaphorá) so viel wie „Rückbezug“ bedeutete. Damit soll der bildhafte Rückbezug einzelner Wörter innerhalb des Versmaßes bezeichnet werden. Mehrere Verse mit gleichem oder ähnlich lautendem Anfang bezeichnet man als anaphorisch.

Side Fact: Im Übrigen gibt es auch das deutlich seltenere Stilmittel der Epipher, die im Prinzip genau dasselbe darstellt wie ihre bekanntere Schwester, aber vom Versende (oder Satzende) aus betrachtet wird. Beispiel 4 widmet sich diesem Phänomen. 

Beispiele

Mithilfe dreier Beispiele soll das sprachliche Phänomen der Anapher im Folgenden kurz erläutert werden, ehe die wesentlich unbekanntere Epipher ebenfalls mithilfe eines Beispiels vorgestellt wird. 

1.     Bertolt Brecht: Die Dreigroschenoper

Ja, da kann man sich doch nur hinlegen,
Ja, da muss man kalt und herzlos sein.
Ja, da könnte so viel geschehen.
Ach, da gibt’s überhaupt nur: nein!

Hier findet sich in den Versen 1 bis 3 jeweils ein gleichlautender Anfang. Auch die jeweils anschließende Verbform könnte im Zeichen eines Parallelismus zur Anapher hinzugezogen werden.

2.     Johann Wolfgang von Goethe: Der Fischer

Das Wasser rauscht,
das Wasser schwoll.

Auch in diesem Beispiel findet sich das Phänomen der Anapher gepaart mit einem Parallelismus, wenn man die anschließende Stellung des Verbes noch hinzuziehen möchte.

3.     Franz Grillparzer: Ein treuer Diener seines Herrn

Pfui über allen Tod!
Durch Schwert,
durch Feuer,
durch Gift,
durch Strick,
durch Beil,
pfui allem Tod!

Und auch Grillparzers Verse weisen eine beeindruckend lange Anapher auf. Insgesamt fünfmal bedient er sich desselben Wortes, passend gerahmt durch das Wörtchen Pfui, in dem man ebenfalls eine Anapher sehen könnte.

4.     Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra

Doch alle Lust will Ewigkeit –,
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!

In diesem berühmten Beispiel findet sich die eher wenig bekannte Epipher, also ein Gleichlauten der letzten Worte oder des letzten Wortes mehrerer (nicht zwingend aufeinanderfolgender) Verse.

Wirkung

Natürlich kann über das, was ein Rezipient beim Lesen von Lyrik (oder Prosa) empfindet, nicht objektiv geurteilt werden. Für die eine Person ist die Verwendung von Anaphern bzw. Epiphern außerordentlich schön und unterstreicht die Stellung der Strophe im gesamten Gedicht. Für einen anderen ist es eventuell ein Zeichen von Langeweile und Ausdrucksschwäche. Hier muss also jeder für sich selbst entscheiden, wie und ob ihr/ihm dieses spezielle rhetorische Mittel gefällt.

Riccardo Altieri

Riccardo Altieri studierte in Würzburg Geschichte und Germanistik. Derzeit beendet er sein Masterstudium, um anschließend mit einer Dissertation im Fachbereich der Neuesten Geschichte zu beginnen. Der Autor und Herausgeber mehrerer Bücher ist seit Firmengründung als Korrektor fester Bestandteil des Teams und kümmert sich um das textbasierte Qualitätsmanagement.

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