Quo Vadis EAT? – Perspektiven auf den Megatrend Digitalisierung (Teil 3 von 3)

Zwei entgegengesetzte Wegweiser mit den Aufschriften „Himmel“ und „Hölle“. Mit der Digitalisierung bricht ein neues Zeitalter an – EAT könnte einen gewaltigen Einfluss darauf haben – im Positiven, wie im Negativen.

Mit der Digitalisierung bricht ein neues Zeitalter an – EAT könnte einen gewaltigen Einfluss darauf haben – im Positiven, wie im Negativen.

Willkommen zum letzten Teil unserer EAT-Reihe. Nachdem wir uns mit den Grundlagen und konkreten Handlungsempfehlungen beschäftigt hatten, lassen wir nun den Blick ein wenig schweifen und wenden uns weiter entfernten Horizonten zu. Horizonte, die auch abseits von Online-Marketing, Content-Management und SEO liegen. Leinen los.

Was heute als wahr gilt

Ich möchte Teil 3 unserer Reihe mit einem Zitat einleiten. Diese Worte sagte eine Studentin zu mir, als ich im Hinblick auf ihre Ausführungen im Seminar besonders zweifelnd schaute:

„Stimmt wirklich – das können Sie auch googeln.“

Dass im Uni-Kontext eine Aussage ala „Trust me bro“ zur argumentativen Untermauerung einer These verwendet wird, spricht Bände: Das Vertrauen in die Suchmaschine ist gewaltig. Als Tor zu völlig entgrenztem Informationspotenzial hat sich das „Googeln“ in unseren Alltags-Routinen verselbständigt und untrennbar eingebrannt.

Fehlendes Wissen wird durch eine schnelle Eingabe per Hand oder Sprache ins mobile Endgerät ergänzt. Unser Wissen wird dabei aber nicht nur erweitert. Wir verifizieren Halbwissen und Aussagen anderer über die Suchmaschine. Das birgt ein gewaltiges Potenzial, aber auch Gefahren.

Was ist eigentlich alles verhandelbar?

Grundsätzlich zu begrüßen ist natürlich, dass wir Dinge durchaus hinterfragen und dies auch die Suchmaschine tut. Dabei werden uns Hardfacts relativ schnell ausgegeben. Es wartet eine Vielzahl von Daten und Datenarten, die relativ unstrittig sind. Alles, was verhandelbar ist, stellt die Suchmaschine allerdings vor eine große Herausforderung – und genauso geht es uns selbst im Alltag.

Was verschwimmt, ist die Frage danach, was denn überhaupt verhandelbar sei. Diskussionskultur war schon immer ein leidgeprüftes Kind – die Suchmaschine gibt dem grundsätzlichen Unwillen Dinge argumentativ ausdiskutieren zu wollen aber eine neue Qualität.

Denn der User geht bei Informationen, die Google ihm direkt präsentiert, immer häufiger und immer fester davon aus, dass es sich in diesem Fall durchaus um einen Hardfact handle. In den meisten Fällen sind das vor allem konkret messbare und einfach verifizierbare Dinge. Niemand stellt in Frage, dass Donald Trump der Präsident der Vereinigten Staaten ist. Ob er allerdings ein guter Präsident ist, ist schon weit verhandelbarer. Was aber, wenn das nicht mehr diskutierbar wäre?

Man könnte das nun auch ganz konkret googlen:

  • „Ist Donald Trump ein Präsident?“
  • „ist Donald Trump ein guter Präsident?“
  • „Ist Donald Trump ein schlechter Präsident?“

Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Anfrage Nummer 1 spielt gleich das Knowledge Panel zu Donald Trump, zusammen mit seinem Wikipedia-Eintrag als hervorgehobenes Snippet aus.

Anfragen 2 und 3 unterscheiden sich davon deutlich. Sie liefern fast dieselben Ergebnisse – und zwar vornehmlich aus dem journalistischen Bereich. Was hieran besonders interessant ist: Bei diesen beiden Anfragen findet sich kein Knowledge Panel und keine Featured Snippets. Außerdem wird das politische Spektrum mit den SERPs zumindest bis zu einem gewissen Grad abgebildet. Es erscheinen beispielsweise Artikel von NZZ, Cicero, Spiegel und Tagespiegel. Artikel der politisch äußeren Ränder finden sich erst sehr weit hinten.

Auch verschiedenste politisch sehr strittige Anfragen wie beispielsweise „Flüchtlingskrise“ liefern ein ebenso „differenziertes“ Ergebnis. Eine logische Reduktion daraus wäre, eine Regel abzuleiten und zu unterstellen, Google wolle aktiv den politischen Diskurs abbilden. Wenn dem so ist, wäre das nur eine sekundäre und indirekte Folge. Die Suchmaschine möchte vielmehr den User möglichst umfassend befriedigen. Das bedeutet, er bekommt, was er sucht und das sind eben (quantitiv gesehen) weniger die Spartenblätter.

Hier kommt also EAT zum Tragen, denn die Reputation reichweitenstärkerer Medien basiert vor allen Dingen auf dem Vertrauen, dass ihnen viele User und andere Medien bereits entgegenbringen. Insofern wird in den Suchergebnissen tendenziell ein mehrheitsdominierter Diskurs abgebildet.

Schwere Zeiten für Mindermeinungen

Eine Suchmaschine, deren qualitativ hochwertigen Informationen Vertrauen geschenkt wird, muss nichts Schlechtes sein. Problempotenzial gibt es aber, wenn anderen Quellen, als denen die Google favorisiert, kein Vertrauen mehr geschenkt wird. Das führt zwangsläufig dazu, dass Google nicht nur die Hoheit über Informationen erhält, sondern auch die über Meinungen.

Hier liegt relativ viel Gefahrenpotenzial, denn Mindermeinungen haben es dadurch deutlich schwieriger. Das muss nicht kategorisch schlecht sein, da dies auch Fake-News und Verschwörungstheorien ausbremsen könnte. Auf der anderen Seite könnte es auch zu einer Unterdrückung von Minderheiten führen, wenn deren Positionen dadurch aus den analogen Diskursen verschwinden würden.

Auch die Mehrheit ist misstrauisch

Auf der anderen Seite sorgt Googles Macht für Misstrauen bei der politischen Majorität. Insofern ist es grundsätzlich vorstellbar, dass man es sich hier nicht mit der Polit-Elite verscherzen möchte. Immerhin ist staatliche Macht die einzige tatsächliche Konkurrenz für Alphabet. Besonderes Aufsehen erregte beispielsweise, dass bei der Google Bildersuche nach dem Wort „idiot“ zahlreiche Bilder von Donald Trump auftauchten, was 2018 sogar in einer Kongressanhörung thematisiert wurde.

Es ist der Inbegriff von Ironie, dass gerade diese Thematisierung, zusammen mit der entsprechenden Berichterstattung dazu führte, dass heute noch mehr Trump-Bilder bei der Suche „idiot“ gezeigt werden. Viele davon beziehen sich auf die Frage: „Warum zeigt Google bei der Suche nach Idiot Bilder von Donald Trump?“

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Google-Bildersuche nach dem Wort „idiot“ mit Bildergebnissen, die Donald Trump zeigen.

Auch wenn viele das amüsant finden dürften, stellt sich schon die Frage, wie mit vermeintlichen Fehlinformationen umgegangen wird. Wir neigen dazu, Probleme zu übersehen, wenn Sie Menschen betreffen, die wir nicht mögen. Was wenn hier das eigene Gesicht auftaucht?

Ausmerzen von vermeintlichen „Fehlinformationen“

Hierzu gleich ein Beispiel: Im Wiki-Data-Artikel zu Donald Trump finden sich im Rahmen seiner Funktionen zahlreiche Dinge wie: Business Magnat, Investor, Politiker, Film Schauspieler oder Game Show Moderator. So weit so gut. Der Mann hat ja auch schon viel gemacht in seinem Leben. Allerdings findet sich hier auch folgender Wert:

Auch Referenzen werden angeführt und machen Daten nachvollziehbarer.
Auszug aus dem Wikidata-Artikel zu „Donald Trump“. Ihm wird das Attribut Verschwörungstheoretiker zugeordnet.

Ohne den Inhalt in Bezug auf seine Person vom Grundsatz her bestreiten zu wollen, ist eine solche Klassifizierung nicht ganz unproblematisch. Es stellen sich nämlich folgende Fragen:

  • Worauf basiert die Klassifizierung?
  • Wie verschwindet eine Information wieder?
  • Welchen Einfluss haben Urheber und Referenzen auf die Bewertung bei Google

Zu beachten ist dabei zunächst, dass der Datensatz von Wikidata nicht automatisch sichere Aussagen über den Umgang der Suchmaschine mit dem Thema ermöglicht. Doch es bietet zumindest Hinweise.

Es stellt sich grundsätzlich die Frage, ob schlechte Reputationen überhaupt reparierbar sind. Schließlich vergisst das Internet nichts. Wenn nicht nur Einzelinformationen, sondern auch die Wertigkeit einer Entität stark zementiert ist, lassen sich Fehler schwerer ausgleichen und man hätte kaum eine Chance auf Rehabilitierung, sobald der Makel einmal da ist. Jedoch besteht zumindest bei Wikidata eine Userdiskussion, denn der Wert wurde immer wieder gelöscht und neu hinzugefügt, was folgender Auszug beispielhaft verdeutlichen soll:

Änderungen am Datensatz lassen sich gut nachverfolgen, weshalb dieser als Grundlage für die Anwendung von EAT-Grundsätzen gut geeignet wäre.
Auszug aus dem Bearbeitungsverlauf des Wikidata-Eintrags zu Donald Trump.

Ein Problem stellt sich: Besonders kritisch wäre der Wert, wenn es sich um eine Fehlinformation handeln würde, die unter Umständen vielleicht sogar bewusst gestreut wurde – und das ungeachtet der Tatsache, ob eine Korrektur stattfindet. Selbst wenn die am Ende des Prozesses resultierenden Suchergebnisse ausschließlich Richtigstellungen wären, bliebe der Makel bestehen, weil die Thematisierung an sich nicht verschwindet. Das Beispiel mit der Bildersuche „idiot“ zeigt das ganz eindrücklich.

EAT kann in diesem Kontext Problem und Lösung zugleich sein. Zum einen bietet das Modell ein Plus an Quellenkritik, denn die zugehörigen Referenzen dürften kaum ins Gewicht fallen, sofern Ihre Reputation schlecht ist. Auf der anderen Seite könnte es auch Oppositionen unterbinden, wenn nur noch der Mehrheitskonsens abgebildet wird. Hier wird es vor allem gefährlich, wenn autoritäre staatliche Gewalt Ihre Finger im Spiel hat, während demokratisch legitimierte staatliche Macht auch als Kontrollinstanz funktionieren könnte.

Ich persönlich stelle mir zwei Extrem-Szenarien vor, die zwar nicht zwangsläufig sehr wahrscheinlich sein müssen, allerdings die Problematiken und Chancen von EAT zuspitzen und verdeutlichen sollen:

Szenario 1: Age of Reason – Das goldenes Zeitalter der Vernunft

Die Menschheit weiß heute so viel nie zuvor. Das kollektive Wissen und die Strukturen, die dieses Vermehren und Konservieren ermöglichen, haben einen hohen Stellenwert. Durch die zunehmende Verifizierbarkeit von Informationen beginnen User Content immer mehr zu hinterfragen und eigenständig quellenkritisch zu überprüfen. Die Suchmaschine trägt ihren Teil dazu bei, das besonders unkompliziert zu gestalten.

Fake News sind praktisch ausgestorben und gesellschaftlich obsiegt die Vernunft. Das Internet fungiert als fünften Gewalt und die Suchmaschine ist ihr Register. Dieses ist durch eine stark Community-gestützte Informationspolitik einem freiheitlich-demokratischen Legitimationsprozess und weitreichender Kontrolle durch den globalisierten Volkssouverän unterworfen. Im kollektiven Bewusstsein von Gemeinwohl blickt die Menschheit einer glorreichen Zukunft entgegen.

Szenario 2: Age of Corruption – Das dunkle Zeitalter der Idiotie

Google führt Informationsbeschaffung in eine Qualität völliger Automatisierung. Die Menschen denken immer weniger mit und hinterfragen die gelieferten Informationen in keiner Weise. Als Herde unselbständiger Lemminge übernehmen Sie Positionen und Meinungen komplett unreflektiert. Kritisches Denken ist zwar nicht ausgestorben, allerdings so selten, dass es sich zu 100 % um das größte Kapital gruppiert.

Mega-Konzerne wie Google werden zu supranationalen Machtpositionen, die in einem ultrakapitalistischen System selbst staatlich Strukturen überlagern und völlige Kontrolle über Güter und Informationen haben. Der Einzelne ist in diesem Szenario nicht mehr Mensch, sondern nur noch Kunde. Irgendwann werden die Felder mit BRAWNDO bewässert und im Fernsehen läuft zwischen Werbung gerahmt die neue Folge von „Aua, meine Eier!“.

Fazit – New Age of Truth

Vielleicht finden wir tatsächlich irgendwann den Weg aus unserer eigenen Unmündigkeit.
Die Sonne geht hinter der Weltkugel auf.

EAT bedeutet die Bündelung aller Informationen bei Google mit dem Potenzial völliger Hoheit darüber was wahr und richtig ist. Die Entitäten-basierte Suchmaschine birgt zwar Missbrauchspotenzial, allerdings muss man nicht immer schwarzsehen.

Die Digitalisierung lief und läuft so rapide, dass viele Menschen sich nicht mit den neuen Kommunikationsformen vertraut machen und Medienkompetenzen aufbauen konnten, was die Bewertung von digitalen Inhalten in der breiten Masse stark erschwerte. Heute korrigiert sich das immer mehr und User emanzipieren sich stärker in der Digitalität. EAT könnte insofern dazu beitragen, unsere Welt ein großes Stück besser zu machen, die fünfte Macht zu einer ultimativen plebiszitären Kontrollinstanz zu entwickeln und uns mehr Vernunft zu lehren.

Ich tendiere also deutlich mehr zu Szenario 1, wenngleich Szenario 2 immer wie ein Damokles-Schwert darüber hängen mag und uns daran erinnern sollte, wie fragil wir eigentlich sind – eine Erkenntnis, die gerade heute in vielen von uns verstärkt reifen dürfte.

Abschlusswort zur Reihe

Wir hoffen du hattest Vergnügen beim Lesen unserer Reihe. Wir wollten möglichst vielseitige Perspektiven auf Googles EAT-Paradigma aufzeigen und hoffen, dass du für dich Mehrwert aus der Zeit ziehen konntest. Mir bleibt zum Abschluss nur zu sagen: Danke für die Aufmerksamkeit und stay positive.

Wer das Ganze weiterführend noch etwas technischer betrachten möchte, der schaut am besten bei Olaf vorbei.

Alexander Zwurtschek ist hauptberuflich Projektmanager und Online-Redakteur bei contify. Nebenbei lehrt er an der Universität Würzburg im Fachbereich Europäische Ethnologie/Volkskunde. Durch den mit dem Fach verbundenen Schwerpunkt auf Alltagskulturen, bringt er ein hohes Maß an Empathie für die verschiedensten Zielgruppen und Kundeninteressen mit.
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