Corona ist, was Du draus machst.

Jugendliches Mädchen mit diversen Putz-Utensilien Seit man nicht mehr auf dem Spielplatz saufen darf, gehören Reinigungsarbeiten zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen in der Altersklasse der 14-18-Jährigen.
Seit man nicht mehr auf dem Spielplatz saufen darf, gehören Reinigungsarbeiten zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen in der Altersklasse der 14-18-Jährigen.

Neulich habe ich mich dabei erwischt, wie ich den Gehsteig vor dem Haus gekehrte habe. Gerade saß ich noch vor dem Laptop und habe wichtige Kundenbelange akribisch und sorgfältig bearbeitet und plötzlich stehe ich unverhofft unten auf der Straße mit einem Besen in der Hand. Wie ich da wohl hingekommen bin? Dabei gehört „den Gehsteig fegen“ gar nicht zu meinen üblichen Schlafwandel-Aktivitäten. Wir entwickeln seltsame Strategien, um mal raus zu kommen…

Zuerst hatte ich mich ein wenig erschrocken. Ein schneller, prüfender Blick verifizierte dann aber doch die Existenz einer Hose an meinem Unterleib. Glück gehabt – andererseits wäre das vielleicht auch egal gewesen. Zumindest sagt mir mein Bildschirm bei Skype-Konferenzen mit Familie, Freunden, Kollegen und Leuten, mit denen ich seit Ewigkeiten nichts mehr zu tun habe, dass sich der eine oder andere allgemein ganz schön gehen lässt. Ich behaupte mal, dass sei der Corona-Chic und verlottert sowie unrasiert vor dem Bildschirm rumzulungern ist im Juni 2020 einfach immer noch en vogue.

Warum sind wir nur so faul, Mami?

Dabei gäbe es schon die Möglichkeit, seinen Alltag so zu gestalten, dass nicht alle Welt unscharfe Fotos von einem macht. Muss einen ja nicht jeder für den Yeti halten. Was dabei aber besonders interessant ist, ist, dass mittlerweile ja auch schon vieles wieder möglich ist, wir es aber trotzdem oft nicht nutzen. Viele meiner Freunde haben sich monatelang wegen des Friseurs gegrämt. Sie haben gezetert, immer wieder genervt Strähnen aus dem Gesicht gestrichen und auf dem zwischenmenschlichen Rücksitz gequengelt, als sei man bereits seit unendlich langen fünf Minuten mit dem Auto auf dem Weg zu einem fünf Stunden entfernten Ziel.

Und jetzt? Der krisengebeutelte Friseur braucht Umsatz und meine Freunde sehen immer noch aus wie Chewbacca, obwohl das ja schon gar nicht mehr sein müsste. Diese unsolidarischen Wookiees. Kritische Denker könnten natürlich auch Vorsicht unterstellen. Strände, Parks und Supermarktparkplätze trüben diese Einschätzung aber vielleicht auch ein wenig. Es ist wie so oft doch eher Faulheit. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier und wenn Routinen erstmal entwickelt sind, dann kriegt man das auch so schnell nicht wieder raus. Und die paar Euro für den Friseur spart man sich dann unter dem Vorwand des selbstbetrügerischen „eigentlich-gar-nicht-so-schlecht-Paradigmas“ auch gleich noch: Klassische Win-Win-Situation.

Körperpflege, wie damals mit 15

Schönheitsideale sind auch irgendwie Routinen. Die sind immer aus Gewohnheit gewachsen und nicht einfach so da. Man gewöhnt sich durchaus an einen gewissen Look und wird dann betriebsblind. Vor ein paar Tagen hab ich mir zum Beispiel meinen Corona-Bart abrasiert und war irgendwo zwischen erschrocken und angewidert, was für ein milchgesichtiger Halbstarker da drunter gesteckt hatte.

Über das glatte Kinn zu streichen, bot da zwar ein wenig Befriedigung, konnte aber nicht ganz über das tiefe Gefühl von Reue und mein Bedürfnis hinwegtäuschen, einen plastischen Chirurg aufzusuchen. Immerhin gibt es von mir jetzt ein paar amüsante Lichtbilder mit halb-rasierten Bartvariationen von Konföderierten-General bis hin zu Hillbilly-Moonshiner und 50er Jahre Nachrichtensprecher. Außerdem juckt die Maske nicht mehr so. Ist ja nicht alles schlecht.

Die Postmoderne lehrt uns: Sport ist zu teuer, um gesund zu sein.

Wer sich früher schon nicht für Ausdauersport begeistern konnte, dessen Cardio hat jetzt noch schlechtere Karten. Weil man halt Zeit hatte, hat man zwar schon irgendwie Sport gemacht. Zumindest bei mir war das aber ausschließlich Krafttraining. Dadurch bin ich jetzt zwar muskulöser, aber auch fetter, weil sich an den Ernährungsgewohnheiten natürlich trotzdem nichts geändert hat.

  • Zwischendrin mal ein paar Bulletpoints
  • Das gehört hier zum Style-Sheet
  • Sieht auch Klasse aus
  • Und wäre sogar SEO-relevant, wenn was Relevantes drinstünde
  • Zurück zu meiner Fitness:

Dabei hätte es so gut laufen können. Dumm nur, dass sich nach der obligatorischen Fitnessstudio-Anmeldung nach der Weihnachts- und Übergangszeit die Dinge so schnell verschlechtert haben. Im Studio hätte ich vielleicht jeden zweiten/neunten Legday gemacht und zumindest einmal die Woche eine halbe Stunde Cardio.

Jetzt muss ich wieder einen Teil meiner Seele verpfänden und auf dem Blocksberg Jungfrauen opfern, um aus meinem Vertrag heraus zu kommen. Man könnte fast meinen, Fitnessstudios seien Mobilfunkanbieter. Dabei schreit mein Körper nach Bewegung, wie das eingangs dargestellte Straßenfeger-Beispiel zeigt. Um Joggen zu gehen bin ich dann aber doch noch nicht verzweifelt genug. Zumindest bin ich selbstreflektiert. Naja…

Alkohol macht schlau

Der stille Suff ist so eine Sache. Saufen hat ja immer was von Geselligkeit und Klasse, auch wenn sonst keiner da ist – zumindest sagt mir das die Bourbon-Werbung. Allerdings lassen Kopfschmerzen und Kubikmeter leerer Flaschen in meiner Wohnung Zweifel an dieser Sichtweise reifen: Hat die Werbung etwa am Ende doch nicht immer Recht?

Blockquotes lockern den Text etwas auf und gehören ebenfalls zum Style-Sheet. Hier könnte etwas Wichtiges stehen.

Eigentlich trinkt man ja hauptsächlich, damit langweilige Gespräche interessanter werden und zunehmend unansehnlicher werdende Home-Officler einem ein halb ernst gemeintes wie gleichermaßen resigniertes und von Selbstbetrug durchtränktes „Naja, so schlimm is auch wieder nich“ abringen. Auch wenn angeblich laut sicher recht aussagekräftiger Statistiken einer von 37.852 Menschen für den Geschmack trinkt, brauchen die meisten von uns schon Gesellschaft. Die Lösung ist schlauerweise ein Spiegel.

Soziale Interaktion ist reich an wertvollen Omega-3-Fettsäuren

Ein Positives hat das Ganze dann doch. Man kommt wieder häufiger mit Menschen ins Gespräch, die einem nicht räumlich nahe sind. Zyniker könnten jetzt sagen: „Hat schon einen Grund, warum man die Leute sonst nicht anruft“, das stimmt aber nur in wenigen Fällen.

Traurig ist nur, dass man diese Kontakte am Ende wahrscheinlich doch wieder nicht pflegen wird, wenn der Spuk vorbei ist. Und das ist ja schon bald, sagt zumindest der Donald – nicht Duck, auch wenn es Parallelen gibt. Spätestens im Herbst gibt’s einen Impfstoff. Den brauch ich dann aber schon gar nicht mehr. Einfach bisschen Desinfektionsmittel ins Herz injizieren und schon ist das Problem gelöst. Ich weiß gar nicht, was die Leute alle haben.

Was lernen wir da draus? Wie so häufig: wahrscheinlich nix.

Der Lotus weist Schmutz ab und ist deshalb ein Symbol der Reinheit. Sollte uns das Mut machen? 5/5 Buddha-Reinkarnationen würden das bejahen.
Lotusblüte auf stillem Wasser

Naja, ganz so schwarz sehen muss man natürlich nicht. Zwar bringt die Krise nicht nur das Gute, sondern auch das Schlechte im Menschen an die Oberfläche. Aktuell bin ich aber zumindest nicht nur pessimistisch. Bei meinem Glauben an die Menschheit helfen mir auch diverse, globale Indizes abbildende Finanzprodukte, die ich am Tiefpunkt der Krise erworben hatte. Man muss halt immer das Positive sehen. Und wie sagt der Volksmund über den in sumpfigem Brackwasser gedeihenden Lotus? Aus der stinkendsten Scheiße wachsen manchmal die schönsten Blumen (freie Interpretation). Mal sehen.

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Alexander Zwurtschek ist hauptberuflich Projektmanager und Online-Redakteur bei contify. Nebenbei lehrt er an der Universität Würzburg im Fachbereich Europäische Ethnologie/Volkskunde. Durch den mit dem Fach verbundenen Schwerpunkt auf Alltagskulturen, bringt er ein hohes Maß an Empathie für die verschiedensten Zielgruppen und Kundeninteressen mit.
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